Notstandsgesetz

Stephan, 19 Jahre jung, erhielt kürzlich Stadionverbot.

Drei Jahre lang darf er fortan seine geliebte Mannschaft nicht mehr anfeuern geschweige einem Spiel dieser beiwohnen. Weil Stephan eben ein Problemfan ist. Weil er lauthals grölend neben einer brennenden Fackel im Block wie ein Wilder herum hüpfte und dabei unaussprechliche Dinge heraus rief. Auch hatte er zuvor schon einen konträren Anhänger niedergestreckt gehabt, weil dieser ihn zu tiefst beleidigt hatte. Ach ja, angetrunken solle er ebenfalls hin und wieder gewesen sein. Zudem soll er in seiner frühen Jugend bereits auffällig geworden sein, wurde er mit 13 Jahren beispielsweise dabei erwischt, einen gefährlichen Sprengstoffsatz in einen öffentlichen Abfallbehälter zu deponieren. Tatzeit: 1. Januar 2005, 00:08 Uhr. Schlimm. Eine wirklich schlimme Entwicklung eines jungen Menschen. Noch schlimmer: er ist keineswegs der Einzige und ein Ende ist nicht abzusehen. Mitnichten, so macht man uns glaubhaft.

Nun ist sie endgültig ausgebrochen, die Panik. Bitte? Ach was, doch nicht in den Stadien. Wo denken Sie hin? Bei denen, die stets ach so gerne Verantwortung zeigen möchten. Genau, bei denjenigen, welche meinen, die Obhut über alles besitzen zu glauben. Insbesondere über ihr Produkt. Das Produkt eben. Sorry, ihr Produkt selbstverständlich. Nämlich dieses der Deutschen Fußball Liga. Gut, ist halt schon ’ne ziemliche Weile her, da nannte man das Ganze Gezetere noch schlicht Fußballsport. Womöglich werden sich gar nicht wenigen von Ihnen noch daran erinnern. Und wenn, dann vor allem auch daran, dass dieser im Grunde schon immer eine Volksangelegenheit war. Dumm nur, die Betonung liegt auf war. Und das ist mittlerweile schon ziemlich lange her.

Ein schleichender Prozess durchlief in den vergangen drei Jahrzehnten durch unseren Verstand hindurch. Der Autor nennt es auch Gehirnwäsche, vorsichtig ausgedrückt. Vieles hat sich geändert im Fußball. Womöglich zu viel, oder auch viel zu viel. Einst war ein Spiel ein Spiel. Heute dagegen beginnt das Erlebnis bereits vor dem Anstoß eines solchen. Sie fragen, welches Erlebnis? Na beispielsweise hochmoderne Betonbunker, welche nicht einmal ansatzweise die Atmosphäre eines altgriechischen Amphibientheaters erreichen. Anzeigentafeln, auf welchen man – powerd by Jobcenter Mühlheim – stets aktuell das Abseitsverhältnis übermittelt bekommt. Bratwürste, die es bekanntlich gar nicht gibt und Stadionsprecher, denen man spätestens nach dem zweiten verbalen Einwurf so gerne was auf die Fresse hauen würde. Wobei wir wieder beim Eingangsthema wären: Gewaltpotenzial.

Nun gut, auf die Fresse gab es beim Fußball bekanntlich schon immer. Und damals nicht weniger als es heutzutage der Fall sein dürfte. Das ist Tradition. Haben Sie sich mal überlegt, warum einem Verein wie beispielsweise die TSG Hoffenheim interessanterweise jegliche permanent abgesprochen wird, obwohl dieser wie viele andere Clubs auch bereits im 19. Jahrhundert gegründet wurde? Richtig. Die hatten in all ihrem hundertdreizehnjährigen Dasein nie jemals einen richtigen Grund gehabt, anderen auf die Fresse zu hauen. Also ein Verein ohne jede Tradition. Traurig, oder? Wie dem auch sei, dafür darf dieser heute eben Teil des Produkts sein. Ja klar, Fußball wird da nebenbei auch gespielt.

Nun aber ist die Schreierei groß. Besser gesagt, ein wenig aus dem Ruder gelaufen. Die Angst geht um. Eventuelle Imageschäden eines Jeden schwirren in den Köpfen. Ganz schlimm: was passiert, wenn all die eingeplante Kohle nicht mehr fließt? So ist es als unausweichlich zu betrachten, dass die Liga reagieren musste. Natürlich im Sinne aller, was auch sonst. Mit dem Ergebnis, ein Pamphlet zu veröffentlichen, rein nach dem Motto: „Macht Euch mal freiwillig Gedanken darüber und wenn ihr das nicht gebacken bekommt, dann machen wir Euch platt. Selbstverständlich unterstützen wir auch weiterhin all Eure Projekte, nur interessieren und diese einen Scheiß.“ Nun müssen Sie dies so verstehen, wenn man völlig freiwillig unfreiwillig dieser seitens der Liga erstellten Konformitätserklärung (?!) zustimmt, so sollten Sie sich beispielsweise auch im Klaren sein, dass Sie zukünftig Mitglied der Scientology sind, sollten Sie eine Eintrittskarte für den Cirque du Soleil erwerben.

Ultras gelten generell als extrem in ihrem Auftreten. Niemand möchte sie haben. Wirklich niemand? Nein, wirklich niemand. Dumm ist nur, dass gerade sie mit all ihren Facetten zur Gestaltung des Produkts unverzichtbar sind. Stellen Sie sich doch nur einmal vor, aus welchem Grund ein Business-Lounge-Gast einem belanglosen Kick beiwohnen sollte, wenn gerade dieser gewisse Reiz im Umfeld des Geschehens nicht vorhanden wäre. Zwei Gründe kämen zum Vorschein. Zum einen: na ja, in gepflegter Atmosphäre kann man sich durchaus mal in geschäftlicher Hinsicht austauschen. Zum anderen, „meine Olle will schon wieder, ich aber nich, och neee.“

Wie dem auch sei, Stephan befindet sich inzwischen auf dem Wege der Resozialisierung. Zwar verlor er vor kurzem trotz außergewöhnlicher Begabung seinen Ausbildungsplatz als Großhandelskaufmann. Nun arbeitet er verantwortungsvoll in der Sicherheitsbranche. Zudem darf er in Kürze einer Schulung beiwohnen, die ihn für die erhöhte Sicherheit in Fußballstadien einsatzfähig macht. Für 5,50 Euro pro Stunde. Ein Hoch an unsere funktionierende Gesellschaft.

In der nächsten Ausgabe erfahren Sie, wie Ex-Innenminister Wolfgang Schäuble ein Konzept plant, um sämtliche Fan-Foren im Internet überwachen zu lassen und wie Sie eine Dose mit Heringsfilet in Tomatensauce öffnen, ohne dabei die komplette Küche renovieren zu müssen.

** Drucker **

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