Liebe Borrachitos und Borrachitas!

Es ist höchste Zeit, den Saisonstart in wohlfeile Worte zu kleiden.

Nach dem 4. Spieltag der 2. Bundesliga muss man leider konstatieren, dass der Start des FSV so ganz und gar anders geraten ist, als man sich das vorgestellt hatte. Möglichst schnell, so lautete die Vorgabe der sportlichen Leitung, wollte man sich ins Mittelfeld des Tableaus begeben, mit sicherem Abstand zu den Abstiegs- und Relegationsplätzen. Und jetzt? Doch auf dem Relegationsplatz. Au Backe.
Doch immer hübsch der Reihe nach, werfen wir zunächst kurz einen Blick zurück auf die vorvergangenen Wochen. Viel zu viel Zeit war seit dem Ende der Vorsaison vergangen, viel zu viele mehr oder weniger ereignislose Tage, die man mittels Europameisterschaftsgekicke nur mehr schlecht als recht halbwegs zu überbrücken vermochte. Das Sommerloch, es war schrecklich und bestand eigentlich hauptsächlich aus dem bizarren Wechsel(fieber)theater um Mike Wunderlich.
Ist er wirklich erkrankt, wenn ja, dann im Kopf oder an doch der Seele? Steht er unter dem unheilvollen Einfluss seines Vaters, der den willfährigen Sohn eng am Gängelband führt? Oder ist er bloß ein dreister Simulant, der ganz schnell und ohne Rücksicht auf seinen Ruf und weitere Karrierechancen und ungeachtet sportlich ambitionierterer Herausforderungen jetzt und gleich und sofort beim Kölner Viertligisten und nur dort den großen Reibach machen will, den er beim Zweitligist nicht machen kann, weil man als Fußballprofi ja bekanntlich Geld mitbringen und beim Platzwart abliefern muss, ehe man das Vereinsgelände überhaupt betreten darf. Und ist Viktoria Köln ein Verein, der zwar einen steinreichen Mäzen hat, also im Geld schwimmt, wie man ganz genau weiß, aber prinzipiell keine Ablösen zahlen kann und will? Fragen über Fragen, die den Verschwörungstheoretikern unter uns allerfeinstes Futter für zahllose verfeinerte Erklärungsansätze lieferten. Im Großen und Ganzen war man sich schnell einig: Die Welt ist schlecht, die Menschheit sowieso, das Geschäft ist noch böser als die Menschheit und wir, die Guten und Edlen, werden sowieso immer angeschissen. Gottseidank ist diese Geschichte nun endlich abgeschlossen! Wir haben dann doch noch ein bisschen Geld aus Köln bekommen, der Mike durfte endlich offiziell in Kölle mittun und ist daraufhin wieder richtig aufgeblüht und seither macht er für die Viktoria ein Goal nach dem anderen. Zyniker behaupten, er habe eine Strophe aus einem Neil-Young-Song zum persönlichen Motto erhoben: „It’s better to burn out than to fade away.“ In diesem Sinne wollen wir es nun bewenden lassen mit den gar wunderlichen Geschichten des Kölschen Jong und bringen es ebenfalls mit Musik – denn mit der geht ja bekanntlich alles besser – abschließend auf den Punkt: „Mer losse dä Mike in Kölle, denn do jehört er hin. Wat soll er denn wo anders, dat hätt doch käne Sinn.“ Nur eins noch: Unsere Scouting-Abteilung sollte trotzdem mal ein waches Auge auf den Jungen haben. Wenn er so weiter macht, könnte er durchaus mal interessant werden für uns.
p.s.: Pardon my Kölsch.
Doch kommen wir zum Saisonstart unseres FSV: Los ging‘s mit einem Auswärtsspiel bei einem Aufsteiger, dem weder berühmt noch berüchtigten SV Sandhausen. Die haben ein tolles Stadion, das selbst sämtliche Planer-Koryphäen der Stadt Frankfurt so nicht hinbekommen hätten. Fünf verschiedene Tribünenbaustile gab es zu bewundern! Eine architektonische Augenweide, Respekt. Weniger respektheischend gestaltete sich das Käthe Ring, wie der Pausenimbiss neudeutsch geheißen wird. Im Vorfeld hatte ich mich herzlich und ausgiebig über meine Gattin lustig gemacht, die mit sorgenzerfurchter Stirn räsonierte, ob es in Sandhausen wohl Bratwurst zu essen gäbe. Ein Zweitligist ohne Bratwurst? Haha, was für eine absurde Idee! Später bin ich dem Thema, um mich nicht entschuldigen zu müssen, weiträumig ausgewichen – naja, zumindest hab ich’s versucht. Mein Fett habe ich natürlich trotzdem abbekommen. Aber mal im Ernst: Wurst aus dem Kessel – das gab‘s zuletzt beim Auswärtsspiel bei Eintracht Haiger, Oberliga Hessen. Und das ist mehr als 20 Jahre her. Na gut, Sandhausen muss erst mal ankommen in der Liga. Kann ja kein Angehöriger der dortigen autochthonen Bevölkerung ahnen, dass man Wurst auch auf den Grill legen kann. Oder dass Lightbier scheußlich schmeckt und deshalb aggressiv macht. Das Spielgeschehen war dann ähnlich wenig erbaulich wie das kulinarische Angebot. Aber egal: Wozu hat man einen eigenen Grill? Den haben wir, wohlbehalten nach Hause heimgekehrt, gleich mal angeschmissen. Und ein schönes Schmucker-Weizenbock getrunken. Ja, es gleicht sich halt alles aus in dieser Welt: Brüh- mit Bratwurst, Light- mit Bockbier. Auch die Sandhasen haben übrigens noch was ausgeglichen, nämlich das 1:0 unseres FSV.
Härter als mit Hertha hätte es uns zum ersten Heimspiel wohl nicht treffen können, vermuteten viele unter den Bernemern vor dem Spiel. Hinterher nicht mehr. 6000 und ein paar hundert Gequetschte waren bei bestem Sommerwetter zur besten Fußballzeit (Anstoß 15.30 Uhr!!!) ins Stadion am Bornheimer Hang gekommen, um den grandiosen 3:1-Sieg über den designierten Aufsteiger aus der Hauptstadt anzusehen. Für unseren lieben Freund Michael Wittershagen von der FAZ Anlass, von einer „enttäuschenden Kulisse“ zu schreiben und dem geneigten Leser zum hundertsten Male vorzurechnen, dass die Stadt Frankfurt mehr oder weniger sinnlos zig Millionen in das Stadion verschleudert, dessen neue Haupttribüne übrigens von Tag zu Tag recht hübsch wächst und gedeiht. (Vielleicht liegt Letzteres ja am gut mit fossilen Stoffen gedüngten Untergrund.) Ich frage mich, wieso die FAZ jemanden fortgesetzt zwingt, über Zweitligafußball zu berichten, der sich offensichtlich gründlich davor ekelt. Die Eintracht spielt jetzt doch wieder 1. Bundesliga, da wird doch wohl noch ein Plätzchen frei sein auf der Pressetribüne. Das Wichtigste neben dem Spiel war die Lage an der Käthe-Ring-Front. Der Caterer der Herzen hat uns ja bekanntlich verlassen, aber ein großer Unterschied war jetzt direkt nicht festzustellen. Ebbelwoi nach wenigen Minuten aus, und alle verfügbaren Imbissbuden auf der Südtribüne hatten vorsichtshalber auch nicht geöffnet. Dafür ist das Bier jetzt von Licher und gleich mal ein gutes Stück teurer. Na, was soll’s. Wir kommen ja wohl nicht zum Saufen ins Stadion. Oder doch?
Die Woche drauf zum Pokalspiel nach Groß-Aspach (Heilbronner Hinterland). Das war ein bisschen so wie eine Reise in die Vergangenheit. Fuhren wir doch (so wie früher in den späten 90ern in der Regionalliga) mit dem Bus hübsch durch schmucke einfamilienhausbestandene Wohngebiete, sahen Vorgärten, in denen die feingerippte Leibwäsche zum Trocknen aufgehängt war, ehe es wieder aus dem Ort heraus und ab in den Wald zum Sportplatz der SG Sonnenhof Groß-Aspach ging. Die „Comtech Arena“ ist schon ein schmuckes, neues kleines Kästchen und sogar komplett überdacht (!). Architektonisches Schmankerl ist das große Blockhaus, das am Spielfeldrand steht und von einem mächtigen silbernen Schornstein flankiert wird, der als offensichtliches Phallus-Symbol wahrscheinlich die fußballerische und sonstige Potenz der Kraichgauer Eingeborenen subtil unterstreichen soll. Auf der Tribüne saß mit 1500 weiteren Besuchern (DAS ist eine enttäuschende Kulisse, Herr Wittershagen) ein alter Bekannter: HJ Boysen, den familiäre Bande hierher verschlagen haben. Unter den Augen ihres Ex-Trainers liefen die Bornheimer zu alter Form auf. Ein Krampf vom Feinsten, wenigstens stimmte am Ende das Ergebnis. 2:1 gewonnen, noch ein paar überzählige BRATwürste zu 1,50 € schnabulieren (Siehst Du, Sandhausen, so wird das gemacht!), Mund abwischen, und heimfahren. Übrigens mit das Beste am Aspach-Trip: Das Interview unseres Bernem-Bennos im dortigen Stadionheftchen. Gefragt, welchen Stellenwert der DFB-Pokal-Wettbewerb für ihn habe, sagt er: „Für mich ist der DFB-Pokal der kürzeste Weg in den internationalen Fußball.“ EUROPAPOKAL!!!
Schon im Bus nach Groß-Aspach machte übrigens die Nachricht die Kunde: Der FSV spielt am 7. September, am spielfreien Wochenende, am Bornheimer Hang in Freundschaft gegen die SGE. Ja, Du meine Güte, muss das denn sein? Ich hatte mich doch letzte Saison eigentlich reichlich satt gesehen an der Eintracht. Es ist halt wie im schlechten Horrorfilm: Du denkst, es ist vorbei, doch die Monster kommen immer wieder…
Die Woche drauf Auswärtsspiel in Ingolstadt. Wer hingefahren war, hatte schon mal meteorologisch alles richtig gemacht: zu Hause Regen, aber bilderbuchmäßiger, weiß-blauer Himmel über Ingolstadt – tu felix bavaria! Ein kleines Rudel hatte sich zum Gucken in der HaKa zusammen gerottet. Und traute erst mal seinen Augen nicht. Olympia war doch eigentlich rum. Was aber hatten dann die olympischen Ringe auf der Brust der rotgewandeten Mannschaft zu suchen? Und wieso nur vier, statt fünf? Einer wusste schließlich des Rätsels Lösung: Paralympics! OK, ein bisschen gehandicapt wirkten sie dann ja auch, die Tommy-Boys, zumindest, was das Toreschießen anging. Uns war‘s recht, wir freuten uns über einen glücklichen, aber nicht unverdienten Auswärtssieg, den Kapllani mittels zweier sehr schöner Tore sichergestellt hatte. Blöd nur, dass sich Mathew Leckie am Ilisocralgelenk (Darmbein-Kreuzbein-Gelenk) wehgetan hat, also an einem Körperteil, das ich bis dato gar nicht kannte und vermutlich selbst gar nicht besitze, und damit die nächsten Wochen ausfällt. Ja leckst mi!!! Weltklasse hingegen wieder der Bernem-Benno bei der Pressekonferenz vor dem Spiel: Gefragt, ob der FCI möglicherweise defensiv eingestellt sein werde und in der Folge sich beide Teams neutralisieren und sich bloß gegenüberstehen, sagte er: „Im Extremfall müssen Sie damit leben, dass beide Mannschaften in ihrer eigenen Hälfte warten und den Schiedsrichter spielen lassen.“
Eher Kreisklasse war, was man beim Kick gegen Aue in der ersten Halbzeit so geboten bekam. Ein Alptraumpaar: Huber und Görlitz. Was die beiden im „Zusammenspiel“ so verstolperten, war schon bemerkenswert. Auch Konrad irgendwie stark unterzuckert. Zur Pause bettelte man um Gnade. Nach dem Pausentee (vermutlich stark gesüßt) wurde es besser, also vergleichsweise, zumindest manchmal. Zu begeistern wusste Roshi, der seinen Spitznamen „Raketenmann“ wohl deshalb trägt, weil man ihn so schnell als möglich auf den Mond schießen möchte. Gut, er hat in Kölle lange auf der Bank gehockt und muss sich noch in die Mannschaft einfinden – aber ein bisschen mehr könnte man auch zum jetzigen Zeitpunkt schon erwarten. Nicht auszuschließen ist, dass jener Roshi, den wir auf den Rängen lautstark „hochleben“ ließen, während des Spiels mal kurz seinen Twitteraccount gecheckt und wertvolle Hinweise von den Spielanalysten aus dem O-Block erhalten, gelesen und verstanden hat. Wie anders sollte es möglich sein, dass ausgerechnet Roshi den entscheidenden Pass in der 87. Minute auf Kapllani spielt, statt, wie eigentlich zu erwarten gewesen wäre, beherzt dem nächstbesten Abwehrspieler in die Füße, und der Zweitgenannte das allesentscheidende 1:0 macht? Und das auch noch in der 87. Minute? War da nicht mal was gewesen? War das nicht der ominöse Zeitpunkt für das obligatorische saublöde Gegentor? Ich weiß es auch nicht. Ich weiß gar nix mehr. Ich kenne meinen Verein nicht mehr. Über weite Strecken grottig gespielt haben wir auch in den Vorjahren schon, insbesondere zum jeweiligen Saisonbeginn. Aber jetzt gewinnen wir die Drecksspiele. Und sind Dritter. OK, nehmen wir es einfach, wie es ist, sind wir halt mal nur baff, genießen den Augenblick und freuen uns auf das Spitzenspiel Zweiter gegen Dritter, Cottbus – FSV, in zwei Wochen in der Lausitz.
Es grüßt Euch ganz herzlich
Euer aller Frankybeauftragter

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2 Gedanken zu „Liebe Borrachitos und Borrachitas!

  1. Hermann1947

    Ich befürchte das wird eine grottige Saison, vom Ersten bis zum letzten Spieltag nicht in der Abstiegsregion, immer nur oben. Das halten meine Nerven nicht durch, ich brauche den Abstiegsstress und ich bestehen darauf ihn auch zu bekommen. Wenn das am Hang nicht klappt, kann ich ja nur noch in den Wald gehen um es dort zu erleben.

    Antwort

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